Weihnachten 2002
Der goldene Schlüssel
"Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer
Schnee lag, mußte ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten
holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er
so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und
sich ein bißchen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er
so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel.
Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müßte auch das Schloß
dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. Wenn der Schlüssel
nur paßt! dachte er, es sind gewiß kostbare Sachen in dem Kästchen.
Er suchte; aber es war kein Schlüsselloch da. Endlich entdeckte er eins,
aber so klein, daß man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel
paßte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir
warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat; dann werden
wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen."
(Deutsches Volksmärchen)
3. Advent
Die Wichtelmänner
Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden,
dass ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar
Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu. Die wollte er den nächsten
Morgen in Arbeit nehmen. Und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich
ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein.
Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten. Sie waren so sauber gearbeitet, dass kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte. Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln.
Er schnitt sie abends zu und wollte den nächsten Morgen mit frischem Mut an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht. Als er aufstand, waren sie schon fertig. Es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, daß er Leder zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand frühmorgens auch die vier Paar fertig. Und so eines immer fort, was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also dass er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward.
Nun geschah es eines Abends nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte, dass er vor dem Schlafengehen zu seiner Frau sprach: „Wie wär's, wenn wir die Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns solche hilfreiche Hand leistet?“ Die Frau war zufrieden und steckte ein Licht an: Darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren und gaben acht.
Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine, niedliche nackte Männlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und fingen an, mit ihren Fingerlein so behend und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfcn, dass der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.
Am andern Morgen sprach die Frau: „Die kleinen Männer
haben uns reich gemacht, wir müssten uns doch dankbar dafür bezeigen.
Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt
du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen,
auch jedem ein Paar Strümpfe stricken, mach du jedem ein Paar Schühlein
dazu.“ Der Mann sprach: „Das bin ich wohl zufrieden“, und abends, wie sie alles
fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen
auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen, wie sich die Männlein
dazu anstellen würden.
Um Mitternacht kamen sie herangesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit
machen. Als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke
fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeigten sie eine gewaltige Freude.
Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen
Kleider am Leib und sangen:
„Sind wir nicht Knaben glatt und fein?
Was sollen wir länger Schuster sein!“
Dann hüpften und tanzten sie und sprangen
über Stühle und Bänke. Endlich tanzten sie zur Türe hinaus.
Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber ging es wohl, solang er
lebte, und es glückte ihm alles, was er unternahm.
BRÜDER GRIMM
Advent 2002
Die Welternährungsorganisation stellt
in ihrem jüngsten Bericht fest, dass 840 Millionen Menschen hungern.
Jeden Tag sterben 16.000 Kinder und 9.000 Erwachsene an den Folgen des Hungers.
"Jedoch werden genug Lebensmittel hergestellt um alle Menschen satt zu
kriegen. Doch Hungerleider sind kein profitabler Markt. Deshalb wird nicht in
eine funktionierende Verteilung der Lebensmittel investiert. Nicht der Hunger,
die Armut tötet." (Greenpeace-Magazin 1/03)
"In Zukunft werden die Armen Gen-Food und die Reichen Öko-Lebensmittel
essen." (Kalle Lasn, Chefredakteur des konsumkritischen Magazins Adbusters
in Kanada: www.adbusters.org)
Ökolandbau kann genug
Nahrung für alle liefern.
Nur unser heutiger Verbrauch
an tierischem Eiweiß lässt
sich nicht nachhaltig decken.
Sich umweltbewusst zu ernähren, heißt deshalb:
weniger Fleisch.
"Nichts wird die Gesundheit und die Chance auf ein Überleben auf der
Erde so steigern wie der Schritt zu einer vegetarischen Ernährung"
(Albert Einstein)
Jedes vierte bis fünfte Schulkind in Deutschland ist zu dick, sagt
die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Hauptproblem sei Bewegungsmangel
im Alltag. 26 Prozent der sechs- bis zehnjährigen Kinder spielen nur einmal
in der Woche im Freien. Sie sitzen lieber am Computer oder am Fernseher, der
in jedem zweiten Kinderzimmer steht. Dazu futtern viele Mädchen und Jungen
speziell fabrizierte Kinderlebensmittel. 80 Prozent dieser Produkte enthalten
Zucker, 84 Prozent Aromastoffe, und in 73 Prozent stecken Emulgatoren, Konservierungs-
und Farbstoffe. Solche Zusätze stehen im Verdacht, Verhaltensauffälligkeiten
wie Hyperaktivität zu fördern.
"Wenn sie ein zweijähriges Kind für Ihr Produkt gewinnen und
bis zum Alter von acht Jahren unablässig mit Werbung bombardieren, wird
es sein Leben lang ein treuer Konsument bleiben. (Kevin O'Leary, Ex-Chef
der Bildungs-software-Firma "The learning Company, USA".)
Eine 50-Gramm-Portion Smacks oder Pops können soviel wie zehn Stück
Würfelzucker enthalten. Dabei gelten Knusperflocken als besonders gesund.
Nur 30 Pflanzenarten liefern 95 Prozent der Kalorien. Die genetische Vielfalt
schrumpft rapide, während die Agrarkonzerne ihr Hightech-Saatgut global
vertreiben. Von zehntausenden von Sorten, die der Mensch einst kultivierte,
findet sich nur noch ein winziger Bruchteil auf dem Acker.
Auf manchen ostasiatischen Inseln, wo die Vielfalt noch zu Hause ist, sind Rhythmen
und Tänze nach Speisen benannt, und Kinder lernen das Alphabeth über
die Anfangsbuchstaben von Gewürzen, Früchten und Gemüsen.
(Aus dem Greenpeace-Magazin - Schöner Essen) www.greenpeace-magazin.de
Viele gute Hinweise und Tipps für Eltern und Kinder bei der Deutschen
Gesellschaft für Ernährung: www.dge.de
PowerBreak, Nachhaltige Ernährung für Kinder und Jugendliche,
Fair Projects: www.powerbreak.de
Auch auf Balkon oder im Garten: Züchten von rar gewordenen Kulturpflanzen:
www.nutzpflanzenvielfalt.de
8. Dezember
Fest der unbefleckten Empfängnis Mariens.
Heute wird in der katholischen Kirche gefeiert, dass Maria ohne Erbsünde
empfangen wurde.
Gibt es ein Wesen, das nicht unbefleckt empfangen ist?
Heute feiern die Buddhisten die Erleuchtung Buddhas. In der Frühe, als
der Morgenstern noch am Himmel stand, erkannte Shakyamuni Buddha: "Alles
verkörpert von Anfang an die Wesensnatur".
"Das halten wir fest, dass das Heil
kommt.
Gott hat es versprochen.
Und wir tun gut daran zu achten
auf ein Licht in der Finsternis
bis der Tag anbricht und
der Morgenstern aufgeht in unseren Herzen."
(nach 2.Petrusbrief 1/19)
Ende November 2002
Die Schönheit des Novembers sind seine Pastellfarben,
seine langen Dämmerungen, das ineinander weben von Tag und Nacht und Nacht
und Tag.
Im Alpenland gibt es den Brauch "Lichter feiern":
Auf der warmen Ofenbank sitzen und schauen wie es langsam Nacht wird. Die wenigsten
von uns haben wohl eine Ofenbank.
Aber welch ein Luxus: Am späteren Nachmittag nur mit dem natürlichen
Licht vom Fenster, einfach im Zimmer in Stille dasein. Absichtslos. Einfach
wahrnehmen wie es eindunkelt. Wie fühlt sich das an? Ich brauche nichts
zu tun. Es geschieht von selber. Vielleicht den Atem wahrnehmen, den Herzschlag,
jetzt, in diesem Augenblick.
Und immer wieder, dieser unwiederbringliche Augenblick. Jetzt.
Jetzt, bis es ganz dunkel ist.
Wenn in der Dunkelheit alle Umrisse der Umgebung verschwinden, dann zünden
wir ein Licht an und
FEIERN DAS LICHT.
November Vollmond
Heute in der Frühe ein strahlender Stern, da wo später die Sonne im Dunst sich kaum zeigte. Noch waren die Nebel nur ganz unten im Tal. Über den Weinbergen dämmerte es langsam, langsam und der Stern verging im zartrosaroten Licht. Dann stieg der Nebel, hüllte alles ein bis zu den kahlen Baumkronen direkt vor meinen Fenstern. Verschwunden im Nebel die Schlote des Industriegebiets, verschwunden in Wolkenschwaden die Gefängnismauern und im wahrsten Sinne des Wortes in weiter Ferne das Atomkraftwerk, weg vom Fenster. Blinde Aussicht. Nach innen geht der Blick. Erinnerungen steigen auf. In der Heimat haben sie gestern eine alte Freundin zu Grabe getragen. Heute fand ich für sie und für uns Rumis Verse:
Im Innern dieser neuen Liebe,
stirb.
Dein Weg beginnt auf der anderen Seite.
Werde der Himmel.
Richte die Axt wider die Gefängniswand.
Entkomme.
Tritt ins Freie, wie jemand,
der plötzlich in Farbe geboren wird.
Tue es jetzt.
Du bist von dichten Wolken eingehüllt.
Stehle Dich seitlich hinaus. Stirb
und sei still.
Stille ist das sicherste Zeichen,
dass Du gestorben bist.
Dein altes Leben war eine fieberhafte Flucht
vor der Stille.
Der sprachlose Vollmond
kommt eben jetzt hervor.
28. Oktober 2002
Jede Zivilisation ist daran zu messen,
wie sie mit ihren Minderheiten umgeht.
Mahatma Gandhi
21. Oktober 2002
Auf einer längeren Wanderung durch den Herbstwald kam ich plötzlich
an eine Wegkreuzung.
An dieser Stelle hatte jemand ein großes, gleichschenkliges Wegkreuz aufgestellt.
Die Mitte dieses Kreuzes bildete ein Mühlstein.
Darunter war folgender Text zu lesen:
"Damit Brot entsteht,
muss mit dem Mühlstein
das Korn zermalmt werden.
Um am anderen Ort neu zu beginnen,
muss man zuerst von hier weggehen."
20. Oktober 2002
Dialog im All:
Venus und Erde begegnen sich.
Venus sagt zu Erde: "Meine Göttin, du siehst aber schlecht aus, was
hast du denn?"
Erde antwortet: "Ich habe Homo Sapiens."
Venus: "Mach dir nichts draus, das geht vorbei."
9. Oktober 2002
Der "Friedenstroubadour" James Twyman, gibt am 12. Oktober wieder
ein Konzert in Bagdad. Er schreibt:
Millions of people around the world believe that war is an inappropriate solution to our problems
with Saddam Hussein, or any other international conflict. This is a chance to do something
about it, to use the power of prayer as a catalyst for positive change.
I hope you will forward this e-mail to your friends around the world. The goal
is for
millions of people to focus their prayers of peace at the same moment. We need
your help to make this happen.
This is the second time the government of Iraq has invited me to Baghdad
when the threat of war seemed imminent. In 1998
millions of people from at
least 80 countries focused their prayers
on Iraq, and three days later a peaceful solution was achieved. This year the
worldwide vigil is being coordinated with another international event called
Earth Dance, a peace initiative being held in 106 cities around the world.
Informationen zu ErdTanz über www.earthdance.org. Jeweils über 250
000 Menschen werden sich in verschiedenen Städten treffen:
Am Samstag, den 12. Oktober, um 19.00 Uhr (unsere Zeit) werden die TeilnehmerInnen zur selben Zeit rund um
den ganzen Planeten in folgendem Gebet zusammen kommen:
We are one global family,
all colors, all races, one world united.
We dance for peace and the healing of our planet earth.
Peace for all nations.
Peace for our communities.
Peace within ourselves.
Let us connect heart to heart.
Through our diversity we recognize our unity.
Through our compassion we recognize peace.
Our love is the power to transform the world.
Let us send it out...
NOW!!
Wir
sind eine globale Familie
Alle Farben, alle Rassen, eine vereinte Welt.
Wir tanzen für Frieden und die Heilung unserer Erde.
Frieden für allen Nationen.
Frieden für unsere Gemeinschaften.
Frieden für uns selber.
Lasst uns zusammen kommen von Herz zu Herz.
Durch unsere Verschiedenheit nehmen wir unsere Einheit wahr.
Durch unser Mitgefühl nehmen wir Frieden wahr.
Unsere Liebe ist die Macht die Welt zu verändern.
Lasst uns die Liebe aussenden...
JETZT!!
PRAY THE PRAYER, AND THEN GENERATE THE
FEELING OF PEACE
AT 1 PM NY TIME, OCTOBER 12.
21. September 2002
Tag und Nacht ist jetzt gleich. Jetzt ist die Zeit uns ins Gleichgewicht zu
bringen. Sich zu bereiten für die kommenden Wochen, für die dunkle
Zeit des Jahres.
Die Ernte liegt vor uns. Welche Früchte hat uns dieses Jahr gebracht?
Was bewegt mich heute? Dazu noch mehr unter (Beatrice
Grimm) Was bewegt die Welt in diesem Augenblick?
In der Septemberausgabe von "KIRCHE IN" www.kirche-in.at steht auf Seite 38/39 ein Artikel über die Folgeerscheinungen der NATO-Bombardierungen von Sarajevo 1995. Hadzici, ein Vorort von Sarajevo wurde als Belagerungsring von der NATO immer wieder bombardiert. Ein Bombenkrater wurde von einem fünfjährigen Mädchen als ihren neuen Spielplatz betrachtet. In dem ausgehöhlten Erdloch formte sie Sandkuchen und als Teller verwendete sie Bombensplitter. Sechs Wochen später fielen dem Mädchen alle Finger- und Zehennägel aus, es wurde müde, sehr schwach, konnte nicht mehr essen und bekam Durchfall. Der über die Grenzen Jugoslawiens hinaus bekannte Onkologe Dr. Zoran Stankovic hat sich des Kindes angenommen und ist davon überzeugt, dass es sich in diesem Fall um eine Kontaminierung mit radioaktivem Material handeln muss. "Inzwischen weiß man ja, dass die Amerikaner in Bosnien als auch später im Kosovo, Serbien und Montenegro tausende Granaten mit abgereichertem Uran abgeworfen hatten, zu alledem auch mit neuen Waffentechnologien experimentierten. Die NATO bestreitet die Gefährlichkeit von abgereichertem Uran weiterhin, doch die zahlreichen an Blutkrebs und anderen sonderbaren Krankheiten leidenden Menschen sowie die vielen Toten aus den Angriffsgebieten sagen das Gegenteil aus."
Von den 4500 Menschen, die im März 1996 aus Hadzici umgesiedelt wurden, sind inzwischen 500 tot. Weitere 2500 Menschen sind betroffen. Jedoch ist kein Geld da für Analysen noch für Behandlungen. Vor dem Krieg gab es in Jugoslawien ein Sozialsystem, in dem die medizinische Versorgung mit eingeschlossen war. "Heute müssen die Menschen alles selber bezahlen. Wer zum Beispiel einen Gehirntumor hat und den chirurgischen Eingriff nicht bezahlen kann, ist zum Sterben verurteilt."
Vor einiger Zeit sah ich einen Dokumentarfilm von zwei Schweizer Filmemacherinnen über die Situation der Hopi-Indianer. Darin wurde gezeigt wie sie zum Teil ihre Tradition noch immer aufrecht erhalten, obschon ihnen vor Jahren ihre Kultur und ihre Sprache von der US-Regierung verboten wurde. Im heiligen Berg der Hopi wurden Uranvorkommen gefunden. Der Berg wird abgebaut. Um zu überleben müssen die Hopi-Indianer selber als Bergleute arbeiten um Uran abzubauen. Diese Bergarbeiter wurden genauso heimgesucht von Blutkrebs-Erkrankungen, die auf die Kontaminierung mit Uran zurückzuführen sind.
In der Tagesschau sprach der amerikanische Verteidigungsminister von einem
Missverständnis. Es würde nicht darum gehen die von der UNO geschickten
Inspektoren in den Irak zu lassen, sondern es würde darum gehen die ganzen
Waffenarsenale im Irak zu vernichten. Fragt jemand mit welchen Waffen diese
Waffenarsenale vernichtet werden sollen, ohne dass die schon seit langem geschundene
Bevölkerung des Irak betroffen wird? - Der Völkermord von Saddam Hussein
wurde sehr deutlich dargestellt in der letzten Ausgabe der Zeitschrift der "GESELLSCHAFT
FÜR BEDROHTE VÖLKER". - Von der gewaltsamen Vernichtung chemischer
oder sogar nuklearer Waffenlager wäre nicht nur der ganze Orient und Europa
sondern unser Planet als Ganzes betroffen.
Eine weitere Frage bleibt, wann die biochemischen und Nuklearwaffen der USA
vernichtet werden.
Die Milliarden von Dollar die der Kongress Präsident Bush für die
Terrorbekämpfung zur Verfügung stellt, sollten der Entwicklunghilfe
in diesen Ländern dienen. Die Gewalt der "Guten" gegen die "Achse des Bösen"
dient der Züchtung von Terroristen.
Auch in USA wächst das Bewusstsein, dass man mit Gewalt keinen Terror auflösen
kann.
In der englischen Zeitung "Nature" haben mehrere Wissenschaftler beschrieben,
dass die Verschmutzung und der Raubbau in und um unseren Planeten insgesamt
ein Maß erreicht hat, dass es jetzt nur noch ganz wenig braucht, damit
das Ganze umkippt. "Ein Fass kurz vor dem Überlaufen." Die publizierenden
Wissenschaftler sind sich einig, dass es in den nächsten 10 Jahren nicht
nur einen Paradigmenwechsel sondern einen epochalen Wechsel braucht, damit ein
weiterleben auf dieser Erde möglich ist.
Paul Ray, ein amerikanischer Soziologe beschreibt in seinem Buch "The Rise of
Integral Culture", die traditionelle Gesellschaft, die moderne Gesellschaft
und die kulturkreative Gesellschaft. Die "traditionelle Gesellschaft", werden
als die Menschen beschrieben, die, wie wir sie aus den Wildwestfilmen kennen,
mit der Flinte hinter der Tür stehen und gleich selber, wenn es ihnen nötig
erscheint, für Recht und Ordnung sorgen. Die "moderne Gesellschaft" sind
immer noch die meisten Amerikaner, die ohne Rücksicht auf Verluste den
"American way of life" leben und leben wollen.
Paul Ray kommt zu der Schlußfolgerung, dass eine spirituelle Revolution
durch die "Kulturkreativen" eine neue, transformative Kultur bewirken wird.
Er sagt, dass in USA über 40 Millionen Menschen kulturkreativ sind.
Es wird übrigens geschätzt, dass in Europa 80 Millionen Menschen kulturkreativ
sind.
Laut Paul Ray sind 60% der "Kulturkreativen" Frauen. Davon stehen an erster
Stelle die kulturkreativen Grünen, zweitens Gruppen, die an Selbsterfahrungstherapien
teilnehmen, dann neue religiöse Bewegungen.
Diese kreative Kultur nimmt die ökologische Frage ernst. Dezentralismus,
der Dialog und die Diskussion in kleinen Gruppen und Nachbarschaftshilfe spielt
eine große Rolle. Ausserdem hat dieser Kulturkreis einen ansteckenden
Optimismus.
In dem Buch von Ken Wilber/Einfach "Das"/Fischer Taschenbuch/Frankfurt September
2001 - sehr empfehlenswert-, hinterfragt Ken Wilber ab S. 288 diese neue spirituelle
Revolution sehr genau und sehr kritisch. Auf S. 293 zitiert er Roger Walsh,
der Bewegungen wie die integrale Kultur untersuchte und es auf folgenden Punkt
bringt: "Die zentrale Frage lautet, inwieweit die integrale Kultur oder Basis-Spiritualität
tatsächlich spirituelle Reife fördert und inwieweit sie Menschen bloß
Wohlbefinden verschafft. Vieles von demjenigen, was heute als Spiritualität
durchgeht, besteht in nichts weiter als intensiven Gefühlen."
Auf S.294 kommt Ken Wilber zu dem Schluß: "Ich bin der Meinung, dass keineswegs 24% der Bevölkerung einer zutiefst transformierenden, transpersonalen Spiritualität anhängen, sondern höchstens 1%. Dies wären immer noch einige Millionen Menschen.... Man mag von den Kulturkreativen halten, was man will, aber eines muss man ihnen wirklich zugestehen: ...Wir haben die östliche Mystik in nie da gewesener Weise hierher gebracht; wir haben darauf bestanden, dass Christentum und Judentum sich auf ihre mystischen Wurzeln besinnen müssen, wir haben unmittelbare spirituelle Erfahrung gefordert statt Dogma. Wir waren eine Generation, die sich geradezu aus dem SEI JETZT HIER definierte. Wir hatten all dies zumindest als eine IDEE höherer Möglichkeiten."
Einen Übungsweg ernsthaft über Jahre zu gehen, damit wirkliche Transformation möglich wird, ist einfach aber nicht leicht. Sich nicht aufhalten zu lassen durch intensive Gefühle, sondern weiter zu gehen durch manchmal lange Durststrecken und schwarze Nächte in unseren tiefsten Grund.
Willigis Jäger sagt: "Nur was du zutiefst bist, wirkt."
11. September 2002
"Wahrlich, wir sind und wollen und wollten stets etwas sein, immer einer über
dem anderen. Darum aller Streit und alle Mühe: dass man etwas ist, dass
man groß, reich, hoch und mächtig ist. Ein jeder will stets etwas
sein und scheinen. Aller Jammer kommt allein davon, dass wir etwas sein wollen.
Das Nichts-sein, das hätte in allen Lebensweisen, an allen Orten, an allen
Leuten, völligen, wahren, wesentlichen, ewigen Frieden und es wäre
das Seligste, das Sicherste und das Edelste, das diese Welt hat. Aber niemand
will daran, weder reich noch arm, weder jung noch alt."
Johannes Tauler 14.Jhd.
Krieg, Terror oder Frieden beginnt in unserem Herzen. Durch einen spirituellen
Weg können wir in Kontakt kommen zu dem was wir in unserem Herzen zutiefst
sind. Dieser Weg lässt uns erkennen, dass es noch etwas größeres
gibt als unsere Gedanken, Gefühle, als unsere Persönlichkeit. Es geht
um eine erweiterte Wahrnehmung. Es geht darum unser Ego zu relativieren und
von diesem Ego ein Stück Abschied zu nehmen.
Was ist das Ego?
In unserer modernen Gesellschaft wird das Ego mit dem Ich gleichgesetzt. Ein
Mensch mit einem starken Ich weiß was er will, sagt seine Meinung und
setzt sich für seine Ziele ein. Ego als Identifikation mit meiner Persönlichkeit,
mit meiner Struktur, mit meinen Gedanken, mit meinen Gefühlen. Ego ist
eine wichtige Instanz um, wie diese Gesellschaft sagt, erfolgreich zu sein und
um das Leben zu meistern. Ich drücke mich da aus. Das Ego ist kulturschaffend,
es ist eine Errungenschaft in der Geschichte der Menschheit.
Aber gleichzeitig beschränkt uns unser Ego. Die Mystik des Ostens und des
Westens sagt uns, dass dieses Ego das größte Hindernis auf dem Weg
zu unserem wahren Selbst ist. Es geht darum wahrzunehmen, dass es Teil eines
großen Ganzen ist, dieses jedoch weder beherrschen noch kontrollieren
kann.
Wir haben zu begreifen wo dieses Ego eigentlich Struktur ist, die wir uns durch
Erziehung, durch soziale Kontakte, durch unsere Kultur angeeignet haben, und
wo es etwas authentisches ist, das aus unserem innersten heraus durch uns in
dieser Welt in Erscheinung treten kann.
Wir können auf unsere Geschichte zurückschauen und wir können
erfahren, dass wir mehr sind als unsere Geschichte.
Das Ego kann sich verändern ohne dass wir eingreifen. Es braucht Bereitschaft
auch da wo Leid und Schmerz in uns ist nicht etwas zu tun, sondern zu lassen.
Loszulassen in etwas das wir nicht wissen. Dadurch können wir in uns einen
Freiraum gewinnen eine Form von Selbstdistanz. Ziel eines spirituellen Weges
ist eine grundlegende Transformation, dass wir anders da sind in der Welt. Aber
"das geschieht nicht an einem Tag und nicht in kurzer Zeit. Man muss dabei aushalten,
dann wird es zuletzt leicht und lustvoll"! Johannes Tauler
August 2002
Der Zauberlehrling
Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort' und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.
Walle! Walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem , vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! Walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollen Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! Ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!
Stehe! Stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! Wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! Und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
Kann ich's lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! Nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! Welche Blicke!
Oh, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!
Willst's am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich , o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! Brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!
Wehe! Wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! Ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Nass und nässer
Wird's im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! Hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief die Geister
Werd ich nun nicht los.
"In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid's gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu diesem Zwecke,
erst hervor der alte Meister."
Johann Wolfgang Goethe
12. August 2002
Lange hatte es für mich so ausgesehen,
als ob mein Leben gleich anfangen würde -
mein wirkliches Leben.
Aber immer war noch irgendetwas im Wege:
Etwas, was ich erst noch kriegen müsste,
eine Sache, die erst zuende gehen müsste,
Zeit, die erst noch vergehen müsste,
eine Schuld, die erst noch abgetragen werden müsste.
Aber d a n n würde mein Leben beginnen.
Schließlich dämmerte mir,
dass diese Hindernisse mein wirkliches Leben waren.
Thomas Merton
10. August 2002
Es gibt nichts,
was allen gefällt.
Petron, 66 n. Chr.
Wer surft auch gern durch das wunderbarste Land der Knöpfe? Ja, Knöpfe!
http://www.naturstoff.de
27. Juli 2002
Einer neuen Statistik zufolge wurde untersucht wie zufrieden Menschen in ihrem
Land sind.
An erster Stelle steht Mali.
An 90. Stelle Deutschland.
Was ist in Mali anders als in Deutschland? Die Menschen sind voller Energie,
laufen barfuß, palavern mit der Familie und den Nachbarn. Mehr als die
Hälfte der sechs Millionen Menschen in Mali müssen mit nur einem Dollar
pro Tag auskommen.
Es ist verständlich, dass die meisten Jugendlichen in Mali den Wunsch haben
nach Europa zu kommen. Wer sagt Ihnen, dass der Song von Mick Jagger hier noch
immer und mehr denn je seine Gültigkeit hat? "I can get no satisfaction!"
Überall wird uns angepriesen wie wir glücklicher, zufriedener sein
können: Mit diesem Urlaub am weißen Palmenstrand, mit dieser Wellnesskur,
mit dem Essen in diesem Restaurant, mit jenem Tee, mit dieser Zigarette, jener
Kleidung oder diesem Duft. Wenn wir dieses eigene Haus haben und jenes Auto,
dann sind wir glücklich. Wir brauchen nur noch dieses Buch zu lesen, dann
wissen wir wie wir zufrieden werden, oder nur noch diese Koans, dann hab wirs.
Alles was wir haben, auch was wir uns wünschen zu haben, hat uns. Wir könnten
uns ernsthaft fragen: "Warum kommt die Zufriedenheit nicht von diesen äußeren
Dingen?"
Ein indischer Mythos erzählt uns: Drei Götter kamen einst zusammen
um zu beschließen , wo sie den Schlüssel zum Wesen des Menschen,
die Essenz verstecken sollten, damit die Menschen sie niemals finden könnten.
Shiva meinte: "Warum verstecken wir ihn nicht auf dem höchsten Gipfel des
Himalaya?"
Brahma erwiderte: "Nein, die Menschen würden ihn dort finden, warum verstecken
wir ihn nicht auf dem Grund des Ozeans?" "Nein," antwortete Shiva "eines Tages
werden sie zum Grund der Meere vorstoßen."
Vishnu sagte: "Wir wollen das, was sie Essenz nennen in den Menschen selbst
verstecken. Dort werden sie niemals suchen."
In uns Sehnsucht, Hunger und Bedürftigkeit nach Essenz, nach Sinn. Meistens
ist es diese Sehnsucht, die uns auf den Weg bringt, die uns auf dem Weg hält
nach dem was zutiefst in unserer Seele ist, was wir zutiefst selber sind.
Die Meister sagen uns: "Wasser ist immer nass. Unsere Wesensnatur ist immer
gut. Da ist reiner Frieden."
Zufriedenheit ist unser natürliches Recht. Die meisten denken, dass dies
nur ein Resultat von harter Arbeit sein kann.
Wir sind von Natur aus Zufriedenheit, Glückseligkeit ohne dass wir etwas
dafür zu leisten oder zu machen haben.
Es geht darum sich zu verlieben in das was wir zutiefst sind. Was sind die Liebeslieder
der Mystik anderes als Ausdruck der Liebesaffäre mit unserem tiefsten Wesen,
mit Gott. Es ist die Liebe zur Liebe, die uns durch schwierigste Situationen
tragen kann.
Da ist eine Zufriedenheit Dinge anzunehmen wie sie sind. Da können zwar
auch Unzufriedenheiten sein, aber die kümmern nicht. Wenn das linke Knie
weh tut, beschäftigen wir uns nicht den ganzen Tag mit diesem Knie, sondern
spüren wie gut das rechte funktioniert und genießen wie gut es den
Händen und Armen geht. Wenn ein Glas halbvoll ist, verschwenden wir nicht
die ganze Energie damit zu sehen wie halbleer das Glas ist, sondern freuen uns
über die Fülle in der Hälfte des Glases.
Es hilft niemandem, wenn wir uns allabendlich bedrücken lassen von der
Lage im nahen Osten oder irgendeiner Wirtschaftskrise, was nicht heißt,
dass wir die Augen davor verschließen. Es geht darum sich mit dem zu verbinden
was lebensfördernd ist in unserem Alltag. Wenn wir das Leben sind, strahlen
wir das aus und das hat eine Wirkung.
Es bestünde ja eigentlich auch die Möglichkeit, dass uns eines Abends
in den Nachrichten die rauschende Lebensfreude einer Hochzeit in Mali gezeigt
würde.
Es gibt folgende Geschichte von dem großen chinesischen Dichter Dschuang-Tse: Einst war er krank. Viele seiner Schüler kamen zu ihm, um ihm Trost zuzusprechen. Doch sie fanden ihn nicht im Bett liegend, sondern auf demselben tanzend. Ihre staunenden Gesichter bemerkend, sagte der Meister: "Schaut nicht so dumm, ich feiere meine Genesung. Glaubt aber ja nicht, die Krankheit hätte mich verlassen, nein, ich war es, der sich von ihr trennte."
Hier zum Abschluß eine kleine Übung:
Nehmen Sie sich 15 Minuten Zeit und stellen Sie sich immer wieder die Frage:
"Was gibt es, wo ich mich nicht glücklich - zufrieden fühle?"
Lassen sie spontan alles kommen was Ihnen gerade einfällt, ohne Zensur.
Sie können es sich auch aufschreiben.
Danach stellen Sie sich 10 Minuten lang die Frage:
"Was gibt es, wo ich glücklich - zufrieden bin?"
Noch schöner ist, wenn Sie für diese Übung zu zweit sind. Die
oder der eine fragt 15 Minuten lang immer wieder nur dieselbe Frage (ohne Kommentar):
"Sag mir etwas, wo du dich nicht glücklich - zufrieden fühlst?"
Der oder die Andere antwortet einfach spontan was gerade kommt. Nach 15 Minuten,
nach der ersten Fragestellung wird gewechselt. Danach ist wieder der/die Erste
mit der zweiten Fragestellung dran:
"Sag mir etwas, wo du glücklich - zufrieden bist?"
Zum Schluß, nachdem beide die immer wieder gestellten Fragen beantwortet
haben, kann man sich gegenseitig Rückmeldung geben und sich darüber
unterhalten, welche Möglichkeiten die/der Einzelne im Alltag hier in Deutschland
hat, zufriedener zu sein.
Diese Übung kann vertieft werden und uns mit unserem Partner/unserer Partnerin
eine intensive Zeit schenken, wenn wir davor 20 - 30 Minuten in Stille sitzen
und kontemplieren.
2. Juli 2002
Heute gelesen:
Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates für die
Einheit der Christen, fordert "mehr Pluralität in der Kirche". "In einer
zunehmend pluralistischen Gesellschaft muss die Kirche Dialogfähigkeit
und Wahrheitsanspruch gleichzeitig aufrechterhalten", sagte Kasper im Hamburger
Überseeclub. Die Kirche müsse mit der Vielfalt in ihren eigenen Reihen
leben lernen und dürfe nicht versuchen, Glaubenspluralität und Frömmigkeitsstile
durch "letztlich hilflose disziplinäre Maßnahmen zu unterdrücken".
1. Juli 2002
Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
das durch den sonnigen Himmel schreitet,
und schmücke den Hut, der dich begleitet
mit einem grünen Reis.
Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil's wohltut, weil's frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.
Und laß deine Melodien lenken
von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiß dich. Es soll dein Denken
nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.
Joachim Ringelnatz
Fußball-WM 2002
Mit Senegal begann es, für Millionen Menschen ist die Welt plötzlich wie durch ein Wunder in Ordnung. Die Begeisterungsstürme, vor allem, wenn Mannschaften, denen nicht das große Geld zur Verfügung steht, gewinnen, sind ansteckend.
Diese große Emotion der Begeisterung habe ich zuletzt in Indien erlebt.
Es war an Navaratri. Dies ist ein neuntägiges Fest, sowohl im Frühjahr
als auch im Herbst zu Ehren der großen Göttin. Nach der Arbeit gehen
Abends nicht nur ganze Familien sondern viele junge Mädchen und noch viel
mehr junge Männer in den Tempel. Da werden die weiblichen Gottheiten in
Ritualen und Gebeten verehrt mit Blumen, Früchten und Süßigkeiten,
Lichtern und Räucherwerk.
Vor den großen Tempeln in den Städten oder an Pilgerstätten
werden mit Maschendraht ganze Plätze zu Korridoren eingerichtet, so dass
viele Menschen auf engem Platz in der Schlange zum schmalen Eingang des Tempels
stehen können. Beim Eingang werden von Ordnungshütern jeweils nur
so viele Menschen eingelassen, wie beim Ausgang wieder hinaus strömen.
An einem der letzten Tage von Navaratri stand ich mit meinen indischen Freunden
Abends in so einer Schlange. Die Tempelanlagen frisch geweißt, geschmückt
mit unzähligen Lichterketten. Von weitem unterschiedliche Gesänge
aus verschiedenen Tempeln. Indische Saiteninstrumente, aber vor allem der Klang
der Tablas durch-drang den Raum. Der Geruch: ein Gemisch von Räucherwerk,
duftenden Rosen, die wir in Händen trugen, dazwischen intensive Gewürze
von frisch Gebackenem und eingekochter süßer Milch, ausgehend von
den vielen kleinen Ständen ausserhalb der Tempelanlagen zur Verpflegung
der Pilger.
Über uns ein tükisblau und ins indigo-violett übergehender Abendhimmel
mit blinkenden Sternen und zunehmender Mondsichel.
Gesicht, Hände und Füße hatten wir an den vielen kleinen Waschanlagen
vor dem Tempel noch einmal gewaschen. Barfuß stand ich nun in einer furchterregenden
Schlange, die sich langsam immer wieder schubweise nach dem Maschendraht über
Galerien und engen Holzbrücken in Richtung Heiligtum bewegte. Aber ausser
mir schien sich niemand zu fürchten. Alle waren fröhlich und lachten
und freuten sich auf die Göttin. Die Frauen trugen an diesem Abend ihre
schönsten Sahrees und auch die Männer waren in Seide gekleidet.
In dieser Athmosphäre hörte ich ausserhalb meines Blickfeldes plötzlich
ein mir vertrautes Rufen und Skandieren junger Männer. Ich hörte wie
eine Mannschaft angefeuert wurde und fragte meine Freunde ob denn hier gleichzeitig
noch ein Fußballspiel stattfinden würde. Sie verneinten. Es waren
die Rufe an die große Göttin. Sie wurden immer lauter, überall
wurden sie nicht nur von Jugendlichen aufgenommen und mit immer größer
werdender Begeisterung skandiert. Es war derselbe Rhythmus, in dem Menschenmassen
in den Fußballstadien ihre Mannschaft unterstützen.
Die Begeisterung setzte sich fort bis ins Innerste der Tempelanlage. Zum ersten
mal hörte ich in diesem begeisterten Rufen die Sehnsucht und das Locken
der Göttin. Es hatte etwas implizit beschwörendes: "Sei da große
Göttin! Sei da große Göttin! Du bist da Göttin! Göttin,
Göttin, Göttin!"
Es war wie im Stadion bei einem spannenden Spiel, als würde wie in leichtem
Fieber die Temperatur in der Tempelanlage etwas ansteigen. Bei den Wartenden
um mich herum setzten sich die Rufe in Bewegung um. Sie sprangen in die Luft,
holten mit den Armen aus, soweit es der Platz zuließ und wenn sie gekonnt
hätten wären sie vielleicht begeistert losgerast wie der südkoreanische
Torschütze nach seinem goldenen Goal.
Sollte diese große Emotion der Begeisterung bei der jetzigen Weltmeisterschaft
in ihrem Ursprung der großen Göttin gelten?
6. Juni 2002
Angelus Silesius sagt uns: "Gott tut im Heil'gen selbst all's, was der Heil'ge
tut, Gott geht, steht, liegt, schläft, wacht, ißt, trinkt, hat guten
Mut."
Das ist einfach, aber nicht leicht. Denn meistens sind wir mit unseren Gedanken
schon in der Zukunft oder hängen der Vergangenheit nach. Es geht darum,
sich ganz diesem gegenwärtigen Augenblick hinzugeben: Nur zu gehen, wenn
wir gehen. Nur zu stehen, wenn wir stehen. Nur zu essen, wenn wir essen. Nichts
als dieser einmalige Bissen Brot. Es ist der letzte Bissen Brot, jetzt in diesem
Augenblick. Gleichzeitig ist es der erste Bissen Brot, und nichts vorher und
nichts nachher. Nur jetzt.
Wir können kleine Schritte in unserem Alltag machen, sei es beim Gehen,
Joggen, beim Warten. Wie oft warten wir: an einer roten Ampel, an der Bushaltestelle,
in der U-Bahn, im Wartezimmer, in der Einkaufsschlange. In jedem Moment haben
wir die Chance nicht zu warten, sondern einfach zu spüren und mit offenen
Augen ganz gegenwärtig da zu sein. Nur da zu stehen. Stehen als Gebet.
Stehen zu werden. Stehen zu sein. Dasein als Gebet.
28. Mai 2002
Wieder tägliches singen mit Shrimati Anita Roy. Welche Wonne!
Gesang als Gebet. Sie singt vor, ich höre und singe nach. Dann immer wieder
geschieht es, dass in einem unfassbaren Moment Hören und Tönen nicht
mehr getrennt sind. Das Sanskritwort SHRU heißt Hören und gleichzeitig
Tönen.
In seinem Ursprung gibt es also für Hören und Tönen nur ein Wort.
In unserem eigenen Ursprung ist Hören und Tönen nicht voneinander
getrennt.
Suche in allen Dingen zuerst dich selber
und wo du dich findest, da lass dich:
Das ist das allerbeste.
Meister Eckhart
Ostern 2002
Eine Osterpredigt von Willigis Jäger
Was wäre, wenn sich die These, die jetzt in manchen Büchern vertreten wird, bewahrheiten würde: "Jesus starb nicht wirklich am Kreuz, sondern ging nach Indien. Dort wurde sogar sein Grab gefunden"? - Was wäre, wenn wir historisch nachweisen könnten, dass die Gebeine Jesu gefunden wurden? Wäre dann unser Christentum nur ein übler Scherz?
Ostern war ein Ereignis, das in den Jüngern stattfand. Jesus ging in eine neue Seinsweise ein. Die Jünger auf dem Gang nach Emaus erkannten ihn nicht in dieser neuen Seinsweise. Auch Maria Magdalena konnte ihn nicht anrühren. Auferstehung beschreibt kein Erleben das in Kategorien von Raum und Zeit einzuordnen ist. Beweise für die Auferstehung gibt es nicht. Wer die Auferstehung aus der Ebene der Symbolik entlässt und sie ins Historische drängt, missversteht die Botschaft. Die Osterbotschaft wird von Menschen bezeugt, die in Jesus das Weiterleben, die Unsterblichkeit erfahren haben. Sie haben in ihm auch ihre eigene Unsterblichkeit erfahren. Das leere Grab, der Engel, der Gang nach Emaus sind Ausdrucksformen für diese innere Erfahrung. Das Wort ophte (offenbaren) (1Kor 15,5) deutet an, dass Jesus nicht einfach von den Jüngern gesehen wurde. Er wurde ihnen offenbart, kundgetan.
Es war also nicht eine Begegnung mit einem leibhaftigen Gegenüber. Auch
wenn das so in den Evangelien geschildert wird: Thomas legte seine Hand in die
Seite, Jesus aß. Es war wohl vielmehr eine innere Erfahrung. "Da gingen
ihnen die Augen auf," heißt es im Bericht der Jünger von Emaus. Es
geht also nicht um magische, parapsychische, mirakulöse Erfahrungen, sondern
um eine innere Gewissheit. Auferstehung ist eine Erfahrung der Jünger,
dass dieses personale Leben nicht alles ist, dass sie so wie dieser Jesus in
eine Erfüllung gegangen ist, auch in eine neue Erfahrung gehen werden.
Leben kann nicht sterben. Es wird weitergehen.
In den Upanischaden steht das Wort: 'Wiedergeboren wird immer nur der Herr.'
D. h. in die neue Existenz geht nicht unser vordergründiges Ich. In einer
neuen Existenz entsteht dieses eine Leben Gottes erneut in einer Form. Aber
es muss nicht ein Abklatsch dieser Form sein. Wir sind so ichverkrampft, dass
wir meinen, dieses Ich durch alle Zeiten retten zu müssen.
In diesem Ich liegt aber nicht unsere wahre Identität. Wir überbetonen es. Unser wahre Identität liegt viel tiefer. Das Göttliche selber ist es, das wieder kommt. Im Grunde geben wir Gott, geben wir diesem göttlichen Leben keine Chance. Wir versuchen es mit unserem Ich ständig einzudämmen und in Schach zu halten, ihm vorzuschreiben, wie es wiederkommen soll.
Wir Menschen können uns nur ein Weiterleben mit einem Ich vorstellen.
Warum sollte es nicht Existenzmöglichkeiten geben, die das Ich überschreiten
und viel erfüllter sind. Wir sind als Menschen doch nur eine Version in
diesem gewaltigen Kosmos, der Milliarden von Galaxien haben soll.
Wir leiden an einem entsetzlichen Egozentrismus und Geozentrismus und meinen,
dass dieser Tanz der Galaxien nur unseretwegen existiere. Wir halten uns für
die Krone des Kosmos. Dabei krabbeln wir erst seit 4 Millionen Jahren als Menschen
auf diesem Staubkorn herum. Gott aber ist zeitlos.
Er hat doch nicht 16 Milliarden Jahre lang auf uns gewartet. Auferstehung ist
nur die Chiffre, die wir für eine ganz andere Existenzform verwenden, über
die unser Verstand nichts weiß. Auf einer transpersonalen Ebene ahnen
wir aber, dass es ein Ausbruch aus der personalen Enge gibt. Es ist ein Erwachen
in die Zeitlosigkeit und Raumlosigkeit der wahren Wirklichkeit. Johannes v.
Kreuz nennt es ein "Zu-sich-Kommen Gottes": "Unser Erwachen ist ein Erwachen
Gottes, und unser Auferstehen ist ein Auferstehen Gottes" (LF IV,9). Auferstehung
ist die Erfahrung der Einheit mit Gott, wie Jesus sie erlebt hat, als er sagte:
"Ich und der Vater sind eins" oder "Bevor Abraham war, bin ich".
Wir wissen nicht, wie es ist, zu sterben. Aber vieles spricht dafür, dass
Sterben ein Erwachen ist. Es schließt sich nicht ein Tor, es öffnet
sich ein Tor. Ob dieses Erwachen noch eine personale Komponente hat, können
wir dahin gestellt sein lassen. Wiederkommen wird nur Gott in einer neuen Form.
Ist es so wichtig, dass eine Identität bestehen bleibt? Die sogenannten
Nahtoderfahrungen legen jedenfalls nahe, dass die Personalität dahinschwindet
und durch ein a-personales Bewusstsein ersetzt wird. Dieser Übergang wird
in den meisten Nahtodberichten als faszinierend und beglückend geschildert;
so beglückend, dass viele den begonnenen Weg am liebsten ins Sterben hinein
weitergegangen wären.
Wenn man heute die Gebeine von Jesus finden würde und nachweisen könnte,
er ist im Grab verwest, was wahrscheinlich ist, würde das an meinem Glauben
an Jesus Christus nichts ändern. Die Erfahrung der Auferstehung hat mit
seinen Gebeinen nichts zu tun. Es ist eine Erfahrung, die jeder Mensch machen
kann. Es ist die Erfahrung, dass sein tiefstes Wesen göttlich ist und daher
nicht sterben kann.
Die Aussage der Auferstehung Jesu ist klar. Unser Leben endet nicht mit dem
Tod. Wir erfahren nur unsere wirkliche Existenz. Und das feiern wir hier. Wir
feiern Tod und Auferstehung Jesu und wir feiern Tod und Auferstehung aller unserer
Freunde und Verwandten und wir feiern unseren eigenen Tod und unsere eigene
Auferstehung in diesem Mahlmysterium. Wir feiern hier, was wir zutiefst sind:
Auferstandene, auch wen es noch nicht offenbar geworden ist.
''Vor seiner Geburt war Jesus auferstanden
Sterben gilt nicht für Gott und seine Kinder
Wir Auferstandene vor unserer Geburt.'' (Rose Ausländer)
(Willigis Jäger)
25. März 2002
In noch eiskalter Nacht wächst der Frühlingsvollmond und über
die Landschaft breitet sich wie jedes Jahr ganz neu der Brautschleier. Auf Ostern
warten wir nicht. Wir sind einfach da. Mit offenen Händen, offenem Geist
in noch dunkler Nacht.
Tief in uns aus der Stille pulsiert es. Das Leben selbst. Die Auferstehung.
Frühlingsanfang 2002
Man kann die Blumen abschneiden, aber
der Frühling lässt sich deshalb nicht aufhalten.
Willigis Jäger
Weggefährtinnen und Weggefährten, Schülerinnen und Schüler laden Willigis Jäger ein, ihn am 7. März an seinem 77sten Geburtstag zu feiern! Es ist ein wunderbar gelungenes Fest der Unterstützung, der Offenheit und Verbundenheit.
Dr. Christoph Quarch hält die Laudatio:
Christoph Quarch
2. März 2002
Willigis Jäger zum 77. Geburtstag
Der 77. Geburtstag von Willigis Jäger fällt in eine bewegte Zeit. Die Bücher des Jubilaren erreichen eine ständig größer werdende Zahl von Menschen - "Die Welle ist das Meer" geht in die 6. Auflage; unlängst sind Übersetzungen ins Spanische, Polnische und Ungarische erschienen. Gleichzeitig formiert sich umgekehrt proportional dazu eine Front, die ihn bezichtigt, die "Gläubigen" in "Verwirrung" zu stürzen und die daher zu deren "Schutz" verfügt hat, dass Willigis Jäger sich sämtlicher öffentlichen Aktivitäten zu enthalten habe. Begründung: Willigis Jäger ordne "die Glaubenswahrheiten persönlichen ‘Erfahrungen’ unter" und verfälsche "damit die Bedeutung des verbindlichen Glaubensgutes".
Man bedenke, was hier geschieht: Einem Menschen, der seit nunmehr siebzig Jahren ein von spirituellen Erfahrungen durchdrungenes Leben führt, wird attestiert, dass seine gesamte Existenz vor den Dogmen seiner Kirche keinen Bestand hat. Einer gelebten Spiritualität, die den gesamten Menschen bis in die Körperzellen hinein durchdringt, weil sie sich aus der Unmittelbarkeit des Erlebens speist, wird weniger Wahrheitsgehalt zugebilligt als den begrifflichen Formulierungen früherer Theologen, die von Zeitgenossen innerhalb und außerhalb der Kirchen allenfalls noch als entseelte Ruinen einer vergessenen Frömmigkeit wahrgenommen werden. Es ist dies der Aufstand des Buchstabens gegen den lebendigen Geist - ein Drama, das wider besseren Wissens immer aufs Neue gegeben wird und dem man am besten die Worte eines Mannes, der unter ihm besonders litt - Gotthold Ephraim Lessing - entgegen hält: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen".
Willigis Jäger ist keiner, der für sich den Anspruch erhebt, im Besitz der Wahrheit zu sein. "Suche nach dem Sinn des Lebens" und "Suche nach Wahrheit" lauten die Titel seiner Bücher. Sie verraten die Geisteshaltung ihres Autors, der wohl mit Wahrheit und Sinn in Berührung gekommen ist, sich dabei aber nie über die Vorläufigkeit und Unzulänglichkeit seines Redens über dieselben getäuscht hat. In diesem Sinne ist Willigis mehr ein Philosoph denn ein Theologe - und als eben solchen möchte ich ihn gerade in der aktuellen Situation würdigen, in der ihm vorgehalten wird, seine intellektuelle Fähigkeit zur Darstellung von Erfahrungen und Einsichten könne mit seiner pastoral-seelsorgerlichen Gabe nicht mithalten.
Die meisten von uns sehen Willigis in der Tradition der christlichen Mystik oder des Zen. Zweifellos gehört er dorthin, aber es gibt noch andere geistige Ahnen, die herbeizurufen lohnt. Die Rede ist von den Vätern des europäischen Denkens - den Philosophen der griechischen Antike. Ich denke an einen Thales, der einst ausrief "p£nta pl»rh" qeîn " - Alles ist voller Götter (DK 11 A 21). Oder an den Urheber des ontologischen Denkens, Parmenides, der lehrte, dass das Sein "ungeworden und unzerstörbar sei, dass es einzig und ganz ist, unerschütterlich und nicht weiter zu vervollkommnen. - dass es weder war noch einst sein wird, sondern jetzt in seiner Ganzheit präsent ist, als Eines und Umfassendes". (DK 28 B 8). Am meisten freilich erinnert mich eine Szene aus dem Leben des Heraklit von Milet an unseren Jubilaren: Einst überrascht dieser zu einige Fremde, "die ihm ihre Aufwartung machen wollten und stehenblieben, als sie auf ihn zugingen, da sie sahen, dass er sich am Küchenofen wärmte - er bat sie nämlich, ohne Scheu einzutreten, denn auch an diesem Gott seien Götter - introite nam et hic dii sunt (DK 22 A 9) - die antike Fassung des von Willigis so gern zitierten Wortes von Josef Beuys: "Das Mysterium findet auf dem Hauptbahnhof statt".
Der Hinweis auf die alten griechischen Philosophen ist lehrreich, weil er zeigt, dass ein Denken, das sich aus den Konventionen einer zu leeren Begriffshülsen erstarrten offiziellen Religion befreit, seine Kraft und Freiheit daraus gewinnt, dass es in einen Bereich vordringt, den wir heute den "transpersonalen Raum nennen". Schon als vor 2500 Jahren der europäische Geist erwachte, war es die Mystik, die ihn aus der Taufe hob - die erfahrungsgesättigte Einsicht in diejenige Wirklichkeit, die sich in dem, was uns alltäglich umgibt, manifestiert und ausdrückt. Wer einmal mit dieser Wirklichkeit in Berührung gekommen, stellt sein Leben in deren Dienst - er wird zum Liebhaber der Weisheit, zum Philo-Sophos. Ein solcher ist Willigis Jäger - und es ist nicht der geringste Ausweis seiner philosophischen Berufung, dass er nunmehr auch das Schicksal des wohl bislang Größten dieser Zunft teilt: des Sokrates.
Lassen Sie uns an diesem Punkt dankbar dafür sein, in einer Zeit zu leben, in der es keine Religionsdelikte mehr gibt, die mit der Todesstrafe bewehrt sind. Im alten Athen war dies anders, so dass Sokrates tatsächlich den Schierling trinken musste, nachdem man ihn für schuldig befunden hatte, der staatlich vorgeschriebenen Theologie nicht zu entsprechen und die Jugend der Stadt in Verwirrung zu stürzen. Doch der inquisitorische Geist derer, die sich "im Besitz der Wahrheit wähnen", hat über die Jahrtausende nichts von seiner Unversöhnlichkeit eingebüßt - zum Leidwesen der Philosophen und Mystiker, das dadurch nicht kleiner wird, dass sie begreifen, warum dies so sein muss.
Das eindrucksvollste Bild, das je von der unausweichlichen Tragik des Konfliktes zwischen Philosophie und Dogmatik gezeichnet worden ist, stammt aus der Feder des Sokrates-Schülers Platon. Die meisten von Ihnen werden das Höhlengleichnis kennen: An Beinen und Füßen gefesselt sitzen Menschen in einer Höhle und starren auf die Schatten, die durch ein rückwärtiges Feuer auf die Wand vor ihren Augen geworfen werden. Diese Höhlenmenschen kennen keine andere Wirklichkeit als diejenige der Schatten von Kunstgegenständen, die die realen Gegenstände der Welt außerhalb der Höhle abbilden. Ihr ganzer Eifer richtet sich darauf, diese Schatten recht zu benennen, ihre Reihenfolge zu ermitteln und unter einander auszumachen, wer der Beste in diesen Künsten ist - "ein gar wunderliches Bild und gar wunderliche Gefangene", wie der Gesprächspartner des Sokrates dessen Gleichnis kommentiert. Woraufhin jener entgegnet: "Uns ganz ähnliche".
Tatsächlich entspricht das Höhlenszenario dem alltäglichen Leben, in dem wir Gefangene unsere Illusionen, Wünsche, Projektionen, Eitelkeiten und so weiter sind - ohne alle Kenntnis davon, dass wir uns in einer Schattenwelt bewegen, die nichtmals von der wahren Lichtquelle - der Sonne - erhellt wird, sondern lediglich von deren schwachem Substitut eines Feuers.
Das Gleichnis erzählt nun weiter von dem Aufstieg eines Gefangenen, der unter größten Schmerzen zunächst ins Feuer zu blicken genötigt wird und dann - nachdem er widerwillig den Schattencharakter seiner bisherigen Welt durchschaut hat - aus der Höhle hinaus in die sonnenbeschienene wahre Wirklichkeit geführt wird. Platon beschreibt diesen Weg als äußerst mühsam - so mühsam, wie ein spiritueller Weg nun einmal ist, wenn er uns aus der für selbstverständlich gehaltenen Weise des Weltgewahrens hinausführt in eine lichte Offenheit, die uns zunächst blendet und ängstigt, dann aber mit der innigen Freude dessen erfüllt, der nach langer Wanderschaft in seine Heimat zurückkehrt. Zuletzt blickt er in die Sonne selbst, ohne diese in ihrer Kontur erkennen zu können, wohl aber in ihrer Funktion als Lebensspenderin und alles durchwaltende, göttliche Quelle des Seins und Werdens. Nie käme der so Erleuchtete auf den Gedanken, die Sonne in die Gestalt einer Person zu zwingen - wie es allenfalls die Höhlenbewohner täten, deren Wahrheit dem trüben Flackern des Feuers gleicht.
Wen wunderts also, dass demjenigen, der aus dem Freien in die Höhlenwelt zurückkeht, dort Unverständnis und Hass entgegen branden: "Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor den Augen flimmert [...], würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, dass er mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen und es lohne sich nicht, dass man versuche hinaufzukommen sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen?" (Rsp. 516e-517a)
In einem anderen Dialog, dem "Euthyphron", hat Platon ein Szenario geschaffen, das sehr schön die Begegnung zwischen Sokrates und einem typischen Repräsentanten jener Höhlenbewohner darstellt. Es handelt sich um einen Religionsbeamten namens Euthyphron, der mit Sokrates just in dem Moment zusammen trifft, da Sokrates im Gerichtshaus mit der gegen ihn erhobenen Klage konfrontiert wird, neue - apersonale - Götter zu erfinden bzw. nicht mehr an die alten Figuren der griechischen Mythologie zu glauben. Euthyphron ist seinerseits damit zugange, eine Klage gegen seinen eigenen Vater vorzubringen, da sich dieser seiner Ansicht nach des Totschlags an einem seiner Sklaven schuldig gemacht hat. Sokrates ist ob dieser - nach damaligem Verständnis - pietätlosen Strenge gegen den eigenen Erzeuger verwundert und bekundet auf seine gewohnt ironische Art größte Hochachtung vor der Sicherheit seines Gegenübers in Fragen der Frömmigkeit und Pietät. Den ironischen Unterton überhörend erklärt der gute Mann daraufhin, in der Tat ein Experte in Religionsfragen zu sein und sich genauestens auf alles zu verstehen, was mit den Göttern und der Frömmigkeit zu tun habe. Nun klatscht Sokrates vor Begeisterung in die Hände und bittet den Euthyphron postwendend darum, bei ihm in die Lehre gehen zu dürfen, um sich mit dessen Fachwissen für die bevorstehende Gerichtsverhandlung zu munitionieren. Euthyphron willigt ein, so dass Sokrates ihm die Frage vorlegt, "worin doch das Fromme und das Gottlose bestehe".
Und nun windet und plagt sich der Experte, bemüht die Götter der Mythologie und doziert über dieselben wie ein Kaufmann über seine Geschäftspartner reden würden. Kurz: Er bewegt sich mit Virtuosität in den Dogmen und Mythen seiner Zeit und bringt diese so zur Anwendung, wie es seiner Sache gerade dienlich zu sein scheint. Natürlich verstrickt er sich dabei in Widersprüche, und es dauert nicht lange, da strauchelt er und weiß sich nur noch auf seine brüchig gewordene Autorität zu stützen, um seine leeren Formeln durchzufechten. Sokrates hört derweil interessiert zu, fragt, bekundet sein Unwissen in den fraglichen Punkten und insistiert darauf, die Antworten des Euthyphron prüfen zu müssen: "Wollen wir nicht wieder dieses in Betrachtung ziehen, ob es gut gesagt ist, Euthyphron? Oder es lassen und so leicht mit uns selbst und anderen zufrieden sein, dass, wenn nur jemand behauptet, etwas verhalte sich so, wir es gleich einräumen und annehmen? Oder muss man erst erwägen, was der wohl sagt, der etwas sagt?" (Euphr. 9e)
Das faszinierende an Platons Dialog liegt nun darin, dass sich genau in diesen Worten das Sokratische Gegenmodell zur Religiösität des Euthyphron ankündigt. Während der Sachwalter der etablierten Religion auf die grundsätzliche Frage nach dem Wesen des Göttlichen nur mit Zitaten aus einer kraftlos gewordenen Mythologie zu beantworten weiß, äußert sich die Frömmigkeit eines Sokrates gerade in der rastlosen Dynamik des Fragens und Suchens. "Sokrates’ Frömmigkeit der Unwissenheit" (Hans Georg Gadamer) speist sich aus dem Wissen um die Unzulänglichkeit jeder dogmatischen Fixierung religiöser Erfahrung. Denn sie weiß um die Unsagbarkeit der göttlichen Wirklichkeit, die am eigenen Leibe erlebt und erlitten sein will. So ist es der große Dienst des Sokrates an den Menschen seiner Zeit, sie aus ihrer religiösen Selbstgewissheit zu reißen, um sie so allererst vorzubereiten auf den langen und steinigen Weg aus der Enge unserer mentalen Bequemlichkeit in die lichte Offenheit des transpersonalen, göttlichen Raums.
So gesehen ist Sokrates der Schutzpatron nicht nur der Philosophen (so sie denn ihren Namen verdienen), sondern auch der Mystiker. So nimmt es denn auch nicht Wunder, dass diese, wie er, zu allen Zeiten den Zorn der religiösen Traditionswächter auf sich gezogen haben. Ob nun Sokates, Meister Eckehard, Juan de Molinos oder Margarete Porète - stets gerieten Mystiker und Mystikerinnen mit den Religionsbeamten ihrer Zeit in Konflikt; denn stets erinnerten sie an den wahren Bewohner jener Häuser, in deren Ruinen die Tempelbeamten und Kirchenmänner es sich bequem zu machen pflegen. Sie künden vom Leben, wo es doch angenehmer wäre, sich in den Hinterlassenschaften eines früheren Lebens einzurichten. Die Unbequemlichkeit der spirituellen Erfahrung ängstigt und weckt Agressionen. Denn es ist bequemer, sich im Besitz der Wahrheit zu wähnen, als unermüdlich um sie zu ringen.
Deswegen sind die philosophischen Mystiker und mystischen Philosophen immer ein Stein des Anstoßes gewesen - und deswegen gehört zu ihrem spirituellen Weg unweigerlich der Kampf. Mit einer an Platon erinnernden Metapher des brasilianischen Dichters Paolo Coelho könnte man sie die "Krieger des Lichts" nennen. Und so möchte ich mit einem kurzen Abschnitt aus eben dem Buch Coelhos schließen, das diesen "Kriegern des Lichts" gewidmet ist:
"Ein Krieger des Lichts erkennt, wenn sein Feind stärker ist als er. Beschließt er, sich ihm zu stellen, wird er umgehend vernichtet. Lässt er sich auf dessen Provokationen ein, wird er in die Falle gehen. Er wird dann Diplomatie walten lassen, um die schwierige Lage zu meistern, in der er sich befindet. Wenn der Gegner wie ein kleines Kind handelt, tut er es auch. Wenn er ihn zum Kampf ruft, tut er so, als hätte er ihn nicht gehört. Die Freunde meinen dazu: ‘Er ist ein Feigling.’ Aber der Krieger schert sich nicht um ihre Kommentare. Er weiß, dass alle Wut und aller Mut eines Vogels gegen eine Katze nichts vermögen. In Lagen wie dieser hat der Krieger Geduld. Der Feind wird bald aufbrechen, um andere herauszufordern." (Handbuch des Kriegers des Lichts, S. 53)
11. März 2002
Nicht zu bekommen was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall.
Dalai Lama
31. Januar 2002
Religion ist zu vergleichen mit dem Mond, der die Erde erleuchtet, aber seine
Kraft von der Sonne bekommt. Er hat aus sich keine Kraft. Sein Leuchten ist
nur der Widerschein der Sonne. Wenn der Mond sich zwischen Sonne und Erde schiebt,
gibt es eine Sonnenfinsternis, und es wird dunkel auf der Erde.
Das Göttliche ist zu vergleichen mit der Sonne. Es strahlt die Religionen
an, damit sie den Menschen leuchtet und sie im Dunkel ihres Suchens begleitet.
Wenn die Religion sich aber zu wichtig nimmt und sich zwischen Gott und Mensch
schiebt, verdunkelt sie Gott. Es gibt eine Gottesfinsternis.
Willigis Jäger
28. Januar 2002
Ein Deutscher, vielleicht war's auch ein Schweizer stirbt und geht in den Himmel.
Da kommt er an eine Wegkreuzung mit zwei Hinweisschildern:
Auf einem Schild steht: Weg in den Himmel
Auf dem anderen Schild steht: Vortrag zum Weg in den Himmel
Welchen Weg nimmt der Deutsche/Schweizer?
26. Januar 2002
Nicht nur die Christin/der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, der Mensch
der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.
Willigis Jäger
25. Januar 2002
Rumi wurde einst gefragt, was ist ein Sufi? Er antwortete:
"Die Freude finden im Herzen, auch wenn die Zeit des Kummers kommt."
24. Januar 2002
Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen,
und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
Khalil Gibran
Neujahr 2002
Segen allen Wesen und Frieden auf Erden...
Friede ist nicht etwas, was wir machen können. Friede entsteht aus der Tiefe des Herzens jedes Einzelnen von uns. Wir haben selber Friede zu werden, Friede zu sein, indem wir uns hingeben, indem wir uns selbst vergessen und indem wir verzeihen wie uns auch von Franz von Assisi überliefert ist.
Hier eine Bewegung zu seinem Gebet:
O signore,
fa die me
uno strumento
della tua pace …
Im stehen oder im sitzen mit den Füßen den Kontakt spüren zur Unterlage. -
Die Handgelenke gekreuzt rechts über links vor der Herzensmitte. –
O SIGNORE Herz und Hände öffnen und weiten. –
Die Arme in den Raum vor sich bis zur Erde sinken lassen. –
Da sein wie eine leere Schale.
FA DI ME Die Arme sich in den Raum zu beiden Seiten weiten. –
Umarmen der Schöpfung.
UNO STRUMENTO Die Handflächen nach oben drehen und die Hände heben. –
Von den Händen bis zu den Füßen durchlässig,
Wie eine Flöte, Instrument sein zwischen Himmel und Erde.
DE LA TUA Die Handflächen zum Gesicht drehen, -
PACE
Hände und Arme vor dem Gesicht wieder zur
Herzensmitte senken.
Es ist die lange Wiederholung der Gebärden, die in die eigene Mitte führt, bis die Bewegung von selber geschehen kann, bis wir selber Gebärde werden, Bewegung sind.
Der Ablauf dieser Bewegung ist von Maria-Gabriele Wosien choreografiert, und wird in dem Buch „Der Himmel in dir/Einübung ins Körpergebet“, Kösel/2000, S.167 bis S.171 dargestellt. Die Musik ist eine Adaptierung einer georgischen Melodie von José Ramon Moran, gesungen von Barbara Swetina auf CD CANTIONES SACRAE, Findhorn Foundation, oder auf CD von Willigis Jäger/Beatrice Grimm, „Der Himmel in dir/Einübung ins Körpergebet“, Kösel/2001.
Zwischen den Jahren 2001/2002
Schweiget
und ruhet von Euren Geschäften,
von
Euren Sorgen und von Euren Träumen,
Schweiget
und höret die Stille,
Hört
das Wort der Nacht!
Schreitet
ins Neue!
Schließet
ab – schließet auf!
Die
Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages,
Die
Mitte der Not ist der Anbruch des Lichts.
Achtet
die Weihe der heiligen Nächte!
Gott
ist’s, der das Dunkel durchbricht.
Schweiget
und lauscht!
(nach
Thomas Wilhelm)
3. Advent
Das halten wir fest,
dass das Heil kommt,
Gott hat es versprochen,
und wir tun wohl, das Wort zu bewahren,
ein Licht, leuchtend an einem dunklen Ort,
bis der Tag anbricht
und der Morgenstern aufgeht
in unseren Herzen.
2.Petrusbrief
11.Dezember 2001
Auf einer längeren Zugfahrt saß ich einem jungen Mann aus Kalifornien gegenüber, der intensiv in einer kleinen, zerfledderten Taschenbuchausgabe des Neuen Testaments las.
Er erzählte, dass er Anfang September vor dem Terrorakt zum Studium nach Europa gekommen war. Seit dem 11. September hätte er viel mit seiner Familie und seinen Freunden telefoniert und es wäre ihnen immer noch ein Rätsel, wie friedliebende Menschen in einem friedlichen Amerika angegriffen werden können. Bei vielen seiner Bekannten würde sich ein ohnmächtiges Gefühl der Sinnlosigkeit breit machen. Er hingegen würde den Sinn in der Bibel finden und viel beten. Er sagte: "Christentum ist keine Religion sondern eine Lebenseinstellung. Ich fahre jetzt zum Drachenfliegen und Wildwasserfahren und Christus ist mit mir."
Am 12. September hat Ervin Laszlo, Begründer des Club of Budapest eine weise Antwort auf Gewalt gegeben, die auch heute, nachdem inzwischen soviel gesagt und geschrieben wurde, wie mir scheint sehr wichtig und bemerkenswert ist, und nicht genug weiter verbreitet werden kann:
"Der Selbstmord-Terrorakt auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 ist ein tragisches Symptom für das Unbehagen, das die Welt in der heutigen Zeit durchdringt. Dieses Unbehagen kann man nicht durch einen Vergeltungsschlag bezwingen, der dem alttestamentarischen "Aug um Auge, Zahn um Zahn" folgt. Seine Wurzeln liegen nicht nur im Fanatismus der Terroristen oder in den Pfründen der Fundamentalisten – sie liegen viel tiefer. Durch die Vernichtung einzelner Terrorgruppen wird das Problem nicht umfassend gelöst. Es werden andere kommen und deren Platz einnehmen, solange dieses Unbehagen vorherrscht.....
.....Solange Menschen frustriert sind und in sich den Wunsch nach Hass und Rache tragen, ist ein Zusammenleben im Geist von Frieden und Kooperation nicht möglich. Ob die Gründe dafür nun im verletzten Ego eines Einzelnen liegen oder in der verletzten Selbstachtung eines Volkes, oder ob es der Wunsch nach persönlicher Vergeltung, dem Heiligen Krieg zur Verteidigung des Glaubens ist, das Resultat bleibt immer Gewalt, Tod und Katastrophen.
Das Erlangen von Frieden in der Seele jedes Einzelnen ist die Grundvoraussetzung für Frieden in der ganzen Welt."
Bei Johannes Tauler lesen wir über den wahren Frieden:
Wahrlich, wir sind und wollen und wollten
Stets etwas sein,
immer einer über dem anderen.
Darum aller Streit und alle Mühe: dass man etwas ist,
dass man groß, reich, hoch und mächtig ist.
Ein jeder will stets etwas sein und scheinen.
Aller Jammer kommt allein davon,
dass wir etwas sein wollen.
Das Nichts-sein,
das hätte in allen Lebensweisen,
an allen Orten,
an allen Leuten,
völligen, wahren,
wesentlichen, ewigen Frieden
und es wäre das Seligste,
das Sicherste und das Edelste,
das diese Welt hat,
- aber niemand will daran,
weder reich noch arm,
weder jung noch alt.
Nikolaus 2001
Als Kinder stellten wir natürlich auch immer am Vorabend von Nikolaus unsere Schuhe vor die Tür. Eines schönen Nikolausmorgens staunten meine Geschwister und ich nicht schlecht: In jedem Schuh war eine neue Zahnbürste.
Was hat das mit dem spirituellen Weg zu tun?
Putzen Sie sich täglich die Zähne? Vielleicht sogar mehrmals?
Eine innere Übung ist wie Zähne putzen. Keiner fragt heute mehr ob Zähneputzen Spaß macht oder nicht. Wir tun es einfach weil es zu unserer täglichen Hygiene gehört. Mir kommt es manchmal vor als wäre unsere geistige Hygiene noch im Mittelalter der körperlichen Hygiene.
Eine innere Übung muss nicht sein. Sie soll auch nicht abhängen von Lust und Laune. Sie gehört einfach ganz normal zur täglichen Reinigung in unseren Alltag.
Manchmal ist eine Übung in Gemeinschaft, ein Tanz, eine Gebetsgebärde ein Gesang oder ein kontemplativer Kurs wie eine neue Zahnbürste für die Seele.
Manchmal ist es auch ein Wort oder ein Text.
Heute in unsere Schuhe zu Nikolaus ein neuer Text von Willigis Jäger für die tägliche Übung:
Sieben Schritte zum kontemplativen Beten
1. Suche dir einen Ort, an dem du nicht gestört wirst
2. Schließe die Augen und entspanne dich
3. Töne innerlich das Wort Jesu, Shalom oder deinen Namen
4. Lade das Wort auf mit Hingabe und Liebe zu Gott
5. Kehre immer wieder zu diesem Wort zurück, wenn du abgelenkt wirst
6. Halte diese Gebets-Übung 20 Minuten einmal oder zweimal am Tag durch
7. Folge dieser Gebets-Übung auch manchmal mitten im geschäftigen Alltag
Schwere Erde unter leichten Schritten
am frühen Morgen in der weiten fränkischen Landschaft.
Über mir ein Mond etwas verloren
am plötzlich leeren Himmel
aprikosenfarben von Ost bis Süd.
Über den Weinbergen am Horizont dreht sich das Windrad nur leicht.
Daneben eine taubenblaue Wolkenwand.
Von weitem Kirchenglocken durchdringen den Lärm der fernen Autobahn.
Dieses Geräusch erinnert, dass heute nicht der 5. Dezember in irgend einem Jahrhundert ist.
Jetzt ist 2001.
In einer der letzten Ausgaben der englischen Zeitung "Nature" haben mehrere Wissenschaftler beschrieben, dass die Verschmutzung und der Raubbau in und um unseren Planeten insgesamt ein Maß erreicht hat, dass es jetzt nur noch ganz wenig braucht, damit das Ganze umkippt. "Ein Fass kurz vor dem Überlaufen." Die publizierenden Wissenschaftler sind sich einig, dass es in den nächsten 10 Jahren nicht nur einen Paradigmenwechsel sondern einen epochalen Wechsel braucht, damit ein weiterleben auf dieser Erde möglich ist.
Paul Ray, ein amerikanischer Soziologe beschreibt in seinem Buch "The Rise of Integral Culture", die traditionelle Gesellschaft, die moderne Gesellschaft und die kulturkreative Gesellschaft. Er kommt zu der Schlußfolgerung, dass eine spirituelle Revolution durch die "Kulturkreativen" eine neue, transformative Kultur bewirken wird. Paul Ray sagt, dass in USA über 40 Millionen Menschen kulturkreativ sind.
Für das Frühjahr 2002 ist eine Untersuchung von Verhaltensforschern in Europa vorgesehen. Es wird geschätzt, dass in Europa 80 Millionen Menschen kulturkreativ sind.
Laut Paul Ray sind 60% der "Kulturkreativen" Frauen. Davon stehen an erster Stelle die kulturkreativen Grünen, zweitens Gruppen, die an Selbst-erfahrungstherapien teilnehmen, dann neue religiöse Bewegungen.
Diese kreative Kultur nimmt die ökologische Frage ernst. Dezentralismus, der Dialog und die Diskussion in kleinen Gruppen und Nachbarschaftshilfe spielt eine große Rolle. Ausserdem hat dieser Kulturkreis einen ansteckenden Optimismus.
In dem Buch von Ken Wilber/Einfach "Das"/Fischer Taschenbuch/Frankfurt September 2001 - sehr empfehlenswert-, hinterfragt Ken Wilber ab S. 288 diese neue spirituelle Revolution sehr genau und sehr kritisch. Auf S. 293 zitiert er Roger Walsh, der Bewegungen wie die integrale Kultur untersuchte und es auf folgenden Punkt bringt: "Die zentrale Frage lautet, inwieweit die integrale Kultur oder Basis-Spiritualität tatsächlich spirituelle Reife fördert und inwieweit sie Menschen bloß Wohlbefinden verschafft. Vieles von demjenigen, was heute als Spiritualität durchgeht, besteht in nichts weiter als intensiven Gefühlen."
Auf S.294 kommt Ken Wilber zu dem Schluß: "Ich bin der Meinung, dass keineswegs 24% der Bevölkerung einer zutiefst transformierenden, transpersonalen Spiritualität anhängen, sondern höchstens 1%. Dies wären immer noch einige Millionen Menschen.... Man mag von den Kulturkreativen halten, was man will, aber eines muss man ihnen wirklich zugestehen: ...Wir haben die östliche Mystik in nie da gewesener Weise hierher gebracht; wir haben darauf bestanden, dass Christentum und Judentum sich auf ihre mystischen Wurzeln besinnen müssen, wir haben unmittelbare spirituelle Erfahrung gefordert statt Dogma. Wir waren eine Generation, die sich geradezu aus dem SEI JETZT HIER definierte. Wir hatten all dies zumindest als eine IDEE höherer Möglichkeiten."
Einen Übungsweg ernsthaft über Jahre zu gehen, damit wirkliche Transformation möglich wird, ist einfach aber nicht leicht. Sich nicht aufhalten zu lassen durch intensive Gefühle, sondern weiter zu gehen durch manchmal lange Durststrecken und schwarze Nächte in unseren tiefsten Grund.
Willigis Jäger sagt: "Nur was du zutiefst bist, wirkt."
Dienstag
4. Dezember
Krieg für schnellen Frieden
Langer Krieg für schnellen Frieden?
Krieg in der Welt
Krieg im eigenen Land
Krieg am Arbeitsplatz
Krieg in der Familie
Krieg in mir
Krieg entsteht wo ich im Recht bin, wo ich recht habe, wo ich es besser weiß.
Wann kommt der lange Frieden?
Wo ist Frieden?
Jenseits dessen, wo ich weiß.
Sowohl die westliche als auch die östliche Mystik spricht davon, dass wir nichts wissen, und was wir wissen nie die Wahrheit ist. In seinem "Weg nach Hause" schreibt Johannes vom Kreuz:
"Ich trat ein und wusst' nicht wo, und ich blieb auch ohne Wissen, alles Wissen übersteigend."
Meister Eckhart sagt:
"Darum sagt ein Meister: Wenn der Mensch ein inneres Werk wirken soll, so muß er alle seine Kräfte einziehen, recht wie in einen Winkel seiner Seele, und sich vor allen Bildern und Formen verbergen, und dort kann er wirken. Dabei muß er in ein Vergessen und in ein Nichtwissen kommen. Wo dieses Wort gehört werden soll, muß es in einer Stille und in einem Schweigen geschehen. Man kann diesem Worte mit nichts dienlicher sein als mit Stille und mit Schweigen; da kann man's hören und versteht man's recht: in jenem Unwissen. Wo man nichts weiß, da weist und offenbart es sich." (Pred 58)
Bhai Sahib, ein Sufimeister: "Es ist das Nichtwissen, das dem Menschen ermöglicht, wach, offen und in Liebe mitten im Leben zu stehen."
3. Dezember
Grauer Montagmorgen
Ein Wort von den Ureinwohnern aus Polynesien:
"Wenn die Dinge nicht so laufen,
wie du es dir vorstellst,
dann stell dir etwas anderes vor."
Der Sufimystiker Rumi erzählte die Geschichte vom indischen Vogel:
Ein Kaufmann hielt einen Vogel in einem Käfig. Er wollte nach Indien reisen, dem Land aus dem der Vogel stammte, und fragte ihn, ob er ihm irgend etwas mitbringen könne. Der Vogel bat um seine Freiheit, aber das wurde ihm abgeschlagen. Da bat er den Kaufmann, er möge in Indien einen Dschungel aufsuchen und dort den freien Vögeln von seiner Gefangenschaft berichten.
Der Kaufmann führte das auch aus, und kaum hatte er zu Ende gesprochen, als ein wilder Vogel, von derselben Art wie sein eigener, wie tot aus dem Baume auf die Erde fiel.
Der Kaufmann nahm an, dieser müsse ein Verwandter seines eigenen Vogels sein, und es tat ihm leid, vielleicht Schuld an seinem Tode zu sein.
Als er nach Hause kam, fragte der Vogel ob er gute Nachrichten aus Indien bringe.
"Nein", sagte der Kaufmann, "ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten. Einer deiner Verwandten brach tot zusammen und fiel mir vor die Füße, als ich von deiner Gefangenschaft erzählte."
Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als der Vogel des Kaufmanns zusammenbrach und auf den Boden des Käfigs fiel.
"Die Nachricht vom Tod seines Verwandten hat auch ihn getötet", dachte der Kaufmann. Betrübt nahm er den Vogel und legte ihn auf die Fensterbank. Sogleich wurde der Vogel wieder lebendig und flog auf einen nahen Baum.
"Nun verstehst du wohl", sagte der Vogel, "was du für ein Unglück hieltest, war in Wirklichkeit eine gute Nachricht für mich. Und die Botschaft, der Rat wie ich mich verhalten müsse, um mich befreien zu können, wurde mir von dir selber überbracht, der du mich in Gefangenschaft hieltest." Und endlich befreit, flog er davon.
2.Dezember
Amerikanische "Herkules-Bomber", mit Radiosendern ausgestattet, warnen mit Nachrichten das "edle afghanische Volk" vor der eigenen nicht detonierten Munition: "Bitte seid vorsichtig, wenn ihr euch gelben, nicht definierbaren Objekten nähert".
US-General Mayers:
"Unglücklicherweise haben die Clusterbomben-Blindgänger die gleiche Farbe wie die abgeworfenen Nahrungsmittelpakete.....die US-Armee handelt immer im Einverständnis mit dem Kriegsvölkerrecht."
Virgil Wiebe,Völkerrechtler:
"Da Clustermunition eine Fussballfeld-grosse geografische Splitterwirkung hat, kann nicht garantiert werden, dass nur militärische Ziele getroffen werden."
Afghanistan, vermintes Land.
Vor zehn Jahren verunfallten täglich mehr als 20 Personen durch detonierende Blindgänger. 5000 lokale Minenräumer haben seither 216.000 Personen-, 10.000 Panzerminen und 1,3 Millionen Blindgänger geräumt. Millionen von Minen und Blindgängern sollen noch auf und in der afghanischen Erde "aktiv" sein. Dank Minenräumung und Aufklärungskampagnen sind die Opfer deutlich zurückgegangen.
Fazel Karim Fazel, Direktor der afghanischen Minenräumorganisation:
"Von täglich zwei ist jetzt die Zahl der Minenopfer auf 16 hochgeschnellt. Die Leute fliehen vor den Bombardierungen aufs Land und geraten so in Minenfelder."
Seiner Organisation fehle das Wissen, wie jetzt mit der nicht explodierten Cluster-Munition umzugehen sei. Vorläufig würden sie Sandsäcke um die Blindgänger bauen, aber auch das sei gefährlich, da sie schon auf kleinste Bewegungen reagierten.
Mehr Information unter www.mcc.org/clusterbomb
1. Dezember
Stundenlange Dämmerung
In jeder Minute stirbt ein Kind an Aids -
Als Kinder saßen wir oft mit unserer Mutter still am Fenster und schauten wie die Nacht kam. In den Alpenländern gab es den Brauch "Lichter feiern". Die Großmütter warteten bis es ganz eingedunkelt war. Dann erst wurde das Licht "gefeiert".
Wir möchten es meistens gern hell haben. Taghell. Wir meiden die Dunkelheit.
Es liegt eine Kraft in der Dunkelheit.
Es liegt eine Kraft in unserer Dunkelheit.
Es gilt sie zuzulassen.
Es gilt aus dieser Kraft zu schöpfen.
Da, in der tiefen Nacht ist der Schatz zu finden, entspringt die Quelle.
Johannes v. Kreuz dichtet über diese Quelle:
"Ich weiß, dass nichts so schön sein kann wie sie,
dass Himmel und die Erde aus ihr trinken, obwohl es Nacht ist.
Ich weiß, es findet sich kein Grund in ihr,
und keines Menschen Fuß kann sie durchwaten, obwohl es Nacht ist.
Die Klarheit, die sie hat, wird nie verdunkelt,
und alles Licht - ich weiß es - stammt von ihr, obwohl es Nacht ist."
Letzter Novemberabend 2001
Mild
Frühe Dunkelheit weht durch die Straßen
Von weit her Posaunen
Wohl aus der Kirche
Üben fürs Adventskonzert
Im Herzen höre ich noch George Harrison:
The love you take is equal to the love you make.
Archiv